PERSIFLASCHE

#kafisatzlesen 505/1565: 


P E R S I F L A S C H E


«Glaubst ans Algorittmüesli?»

«Bist vom Ganserismus befallen?!»

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Liebe Facebook-Freundinnen und -aussen, ich warte auf meinen Rückflug, langweile mich und mute euch drum meine ungeschönten Gedankengänge zum grad weltpolitisch wirrulentesten Thema zu. Aber von vorne: Auch ich will die Abänderung n i c h t  und schliesse mich daher an. Nämlich dem Kampf gegen das von der Achse des Bösen rezeptierte Algorittmüesli! Da ich merke, dass ich nicht mehr so viele ballaststoffreiche Flöcklis der Empörung oder süsse Früchte der Kreativität oder säuerlich aufstossende Euterausflussprodukte meiner Freunde wie früher sehe, als ich noch nicht so viele Freunde hatte ... sondern eben mehr Posts von weniger Freunden ... ähm ... okay, es ist kompliziert. Trotzdem! Ja, man kann vermeiden, immer von den gleichen 25 FB-Freunden und niemand anderem mehr zu lesen.


Ich dachte erst ja auch, dass, wenn ich bei dir das auf "Folgen" gesetzte Häkchen aktiviert habe, ich sehen würde, was du postest. Ist aber leider nicht mehr zwingend so. Auch umgekehrt nicht. Also so: Wenn du bei mir das Häkchen gesetzt hast, siehst du meine Posts nicht. Diesen also auch nicht? Oder doch? Wäre zwar nicht logisch, macht aber Hoffnung. Die stirbt zuletzt. Vielleicht sogar nach dem Algorittmüesli.


Zurück zu dessen bösen Folgen im Hier und Jetzt: Bei meinen in den letzten Wochen und Monaten aufwändig zusammen geklickerten 1000 Freunden (Innen inkludiert) bedeutet dessen Wirkung einen Riesenverlust an sinnstiftender Zeitverschwendung, denn ich sehe ja nur noch, was die 25 für mich auserwählten Algorittmüesli-Freunde so rauslassen. Ganz zu schweigen von Werbung, die mich nicht interessiert, auch wenn ich mit meinem circa 25 Likes pro Tag für kämpferische NGOs, technisch sinnvolle Crowdfundingsachen, saubere Tiernaturfoodfotopornos, modische Outfits und so du weisst was ich meine keinerlei Produktpräferenzen kundtue.


Wenn Du diesen Kafisatz liest, mach also erstens irgendwas dafür, dass du in meinem News-Feed erscheinst. Egal was. Sonst wählt das böse Algorittmüesli aus, wen es mir und dir zeigen soll. Aber wir brauchen keine Algofreunde! Wir wollen richtige Freunde! So wie im Leben. Nicht einige wenige, vielleicht gute, aber langweilige. Nein, wir wollen hunderte!


Zögere also zweitens nicht, diesen Text zu kopieren und in deiner Timeline zu posten, damit du mehr Interaktion mit all deinen Kontakten hast und das System zum Teil umgehen kannst. Du verstehst nicht, worums geht? Ich auch nicht. Aber vielleicht ist die ganze Sache ja gut gemeint? Heute Nacht habe ich es so geträumt:


Wir sind 25 im Kreis sitzende Würstchen. Obwohl jeder von uns noch je 975 andere Würstchen kennt, bekommt er deren Senf nie zu sehen. Denn das Algorittmüesli weiss ganz genau: Wir Würstchen wollen über uns selbst hinauswachsen. Wurst werden, vielleicht sogar eine fette Influencer-Mortadella. 


Und nun kommt das Wurstbemitleidungs-System in Spiel: Von tausenden zum Fressen gern gehabt, respektiert, bewundert werden, das darf nicht sein. Denn heute schon droht Weltuntergangsstimmung. Jeder schreibt. Keiner liest. Jeder fotografiert. Keiner schaut. Alle ratschlägern. Jeder weiss es schon besser. Was wäre, wir alle kämen auf die Welt? Merkten, dass sich jeder nur für sich selbst interessiert?! Genau. Flächen deckende Biedergeschlagenheit. Das will das böse Algorittmüesli verhindern. 


Und drum sorgt es dafür, dass wir nicht merken, dass sich von 1000 Freunden (innen inkludiert) 975 keinen Deut für uns interessieren. Auch die 25 nicht, die das Algorittmüesli aussucht. Denn das sind ja leider wiederum genau die, die uns a) mit immer gleichem Firlefanz (Kafisätze – sic!) abspeisen oder b) es schlecht mit der Welt meinen oder oder c) unsere Kreditkarte mit einer posttraumatischen Belastungsstörung flachlegen wollen. 


Es muss leider hesagt sein. Es hilft alles nichts. Man könnte genauso gut den Spiegel anblaffen, weil er einem tagtäglich die immer gleichen 25 besten Freunde von Clerasil, Botox oder Puder zeigt. Oder die eigene Stammkneipe verfluchen, weil man da die immer gleichen 25 Mittrinker im Visier und die gleichen Mitesser am Hals hat, die jeden Tag denselben Sch ... Wagen wir einen Versuch. Vorsicht, in Sachen Logik bin ich eine Persiflasche, aber vielleicht geht die Rechnung ja trotzdem auf.


Ab in die Beiz. Analog zu diesem Schneeball- Revoluzzerbriefli könnte man da jedem ein Bier offerieren und eins gemeinsam trinken unter der Bedingung, dass er das wiederum mit allen andern seiner 25 Algorittmüesli-Freunde auch so macht. Klar, jurististisch müsste man abklären, ob man für die Alkoholvergiftung des einen oder andern Freundes geradestehen muss. Und es ist natürlich sowieso fraglich, ob der 25. Trinkkumpan des 25. Freundes dann zuletzt auch noch mit dir eins saufen kann. Aber versuchen kann mans ja trotzdem.

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Zurück also zum Sinn dieses Pro-Test-Kettenbriefs: Drücke deinen vom qualvoll langen weil meist vergeblichen Wischen nach echt interessanten Beiträgen von echt interessanten Freunden sicherlich bis auf den Stumpf abgewichsten Daumen irgendwo solange in diese Zeilen bis "kapieren" aufpoppt. Klicke auf diese "kapieren" dann kämpf dich wieder bis fast ganz nach oben in deiner (dieser) Timeline, dorthin, wo die Frage steht: Was machst du gerade? 

Aber Vorsicht! Sei dir bewusst: dahinter steckt eine genau so böse Schwestermaschine des Algorittmüeslis. Eine Unterdruckmaschine! Sie saugt jedes deiner Worte ein und klappert deine Freunde (innen inkludiert) nach spiegelgleichen Reizwörtern ab und schon bist wieder gefangen in deinem Würstlikreis. Egal. Du wirst nun hoffentlich wieder mehr News von Deinen echten Freunden sehen.


Uff. Endlich Boarding-Time zum Airportbüssli. Fettig Algorittmüssli. Cappuccino werde ich erst im Flug trinken. Drum untypisches Bild. Ich wünsch mir guten Flug. Du auch? Danke 😘