· 

WAHRE LIEBE IST EINE OHRGIE

(402/1565)

 

«Darf ich fragen, was Sie von Beruf sind?»

«Einmal dürfen Sie raten.»

«Sie haben in beiden Händen je zwei doppelt geführte, harmonisch dahertanzende Herz- und eine fadengerade, lange Kopflinie. Sie geben mir Rätsel auf.»

Ich ihr zublinzelnd dann zu ihm: «Muss das fragen: Führen Sie ein Doppelleben?»

Beide lachen herzhaft. 

«Nicht schlecht.»

«So ein emotional doppelbödiger Mensch als Ingenieur, kann ich mir fast nicht vorstellen. Oder doch?»

«Wow, Volltreffer.»

«Und was machen Sie mit Ihrem Faible fürs Musische?»

«Musik, genau. Doppelvolltreffer. Jetzt wirds spannend. Und meine Frau?»

«Schwieriger. Sie selber denken und reden abwägend aber bestimmt. Sie schweigt erst mal, das heisst aber nicht, dass sie weniger bestimmend ist.»

Gucken sich an und gröhlen: «Und?»

«Mhhh ... Lehrerin?»

«Wow. Stimmt auch. Und das haben Sie in den wenigen Augenblicken beim Scannen unserer Hände rausgefunden?»

«Nö.»

«Ja aber ...? »

«Ich habe vorher insgeheim ihrer Diskussion über die Liberalisierung des Arbeitsmarktes in Frankreich gelauscht.»

«Echt?!!! Frechheit!»

«Kommen Sie trotzdem ans Kafisatzfest nächsten März, wo sich alle Auserlesenen kennenlernen?»

«Was sagt Ihnen Ihre super Intuition?»

Aber klar doch 😊🙏🏻

 

 


Dialog ausnahmsweise nicht die reinste Dillkür. R. und M. haben sich im Collana wegen Mangel an freien Tischen zu mir an die Sonne gesetzt. 


Ihre Art des Diskutierens, bezugnehmend auf einen Bericht des Westschweizer Fernsehens über den grossen Streik in Frankreich, hat mich zum Ohreilleur gemacht. Ich glaube, nicht mal so sehr wegen des Inhalts. Vielmehr wegen ihrer Stimmen. 


Sie modulierten ihrer Argumente auf eine Art, die zwar unterschiedliche Positionen verriet, aber auch gegenseitigen Respekt und ... wenn ich das mal so (ver)raten darf: Liebe. Mir schien, R. mache M. noch immer den Hof (Sie haben bald erwachsene Kids!). Und sie tut dabei immer noch chli zickig. So schön.


PS. Erst wollten sie nicht mitmachen (kein Facebook und so), dann aber doch, jedoch "anonym", nach einem anregenden Streifzug durch die tausend wichtigsten Themen zur Zeit. Ich liebe solche Begegnungen. Sie machen einen armen Schlucker wie mich reich.


Kommentar schreiben

Kommentare: 0