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ABHÄNGEN

(400/1565)


«Recht hast du.»

«...?»

«Gestern am Lac de Léman.»

«Ach, du meinst das Seegang-Kitschbild.»

«Genau.»

«Einsamer Däumchenrekord, sollte ich meinem Ego öfters antun.»

«Dilldapp!»


Wenn Freunde, so wie gestern Corinne,  wohlwollend meinen, man dürfe ruhig wieder einmal die "Seele baumeln lassen", dann freut mich das. Dann läuft bei mir aber auch ein Film ab. Es hat mit dem Wort Baumeln zu tun. Dabei kommen mir immer Leichen in den Sinn. Heute Nacht in Form von Albträumen.


Der Plot geht in etwa so: Nerven kitzelnde Blechbläsermusik. Dann knisternde Stille. Dann subjektive Kamera im Zeitlupenzoom über karges Buschgebiet auf ein einsames Lehmhaus zu. Dieses liegt einer kleinen Lichtung zwischen wenigen Bäumen.


Zoom ins bäumige Detail. Wir sehen an einer Wäscheleine aufgehängte, im Wind baumelnde Fleischfetzen. Sie haben die Grösse von Tennisschlägern. Sind etwas angegraut. Umschwärmt von Unsummen aggressiv brummender Killerfliegen. Dicke Luft, es stinkt.


Noch ist es flirrend heiss. Bald nicht mehr. Bald wird blauschwarz die Dämmerung hereinbrechen. Hereinbrechen ist stimmig. Es wird blitzartig dunkel und arschkalt.


Der Film spielt im Niemandsland an der bolivianisch-brasilianischen Grenze, wo ein Dorf aus dem Boden gestampft wird. Ein Dorf als zukünftiges Zentrum einer Farm mit anfänglich 10000 Rindern, für dortige Verhältnisse ein Klacks. Rinder gibts noch keine. Und schon gar keine Metzgerei. Es wird gejagt, mit Vorliebe nach Krokodilen, von denen es in der Gegend nur so wimmelt. Die im Wind baumelnden Fetzen in der Grösse von Tennisschlägern sind noch knapp beseelte Überreste von ihnen. Sie sind da oben vor Langfingern geschützt. Und erhalten den unter Gourmets beliebten Haut-Gôut. Gourmets gibts im Umkreis von 1000 km keine.


Ich liege, erschöpft von einer langen Tagesreise, in einer Hängematte und starre in den Wäscheleinen-Fleischhimmel vor dem einsamen Haus. Ich bin mutterseelenallein da draussen.


Alle Schlafplätze im Innern sind von den ehrwürdig gereiften Grossgrundbesitzern besetzt, deren Kontrollgang in die Pampa ich begleite. Die haben sich löblich für die Knappheit der Schlafplätze entschuldigt und mir noch höflich eine Gutenachtegeschichte erzählt: 


Es wäre einmal eine Art tierischer Bürgerwehr aus Langfingerschlangen und Grossmaulkatzen gewesen, die sich gegenüber ihren Reviermitbewohnern verpflichtet hätten, die Gegend täglich nach Einbruch der Dunkelheit nach ungebetenen Eindringlingen abzuklopfen. Nach den an den Wäscheleinen baumelnde Fleisch hätten sie aber noch nie geschnappt. Zu hoch für sie. 


Und die tiefer baumelnde Hängematte? Es ist 5vor 12 für mich, Schluss mit Seele baumeln lassen. Ich muss raus. Und Zeitung lesen. Und wünsche vorsorglich schon mal eine Gute Nacht und ganztags inneren Seelenfrieden 😂😉🙈

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